DIE HEITERKEIT ( Indie Pop | Hamburg )

2012 erschien das erste Album der HEITERKEIT, Herz aus Gold. Was für ein schönes Referenzuniversum die drei Musikerinnen öffneten, ihr Logo ein Smillie, dessen Mund gerade war (also eher ein Neutralie). Er bezog sich auf alle Smilies der Welt: Aciiid, Nirvana, die MS Word-Sonderzeichentabelle und das Emoticon, aber verweigerte anders als all jene eine klare Zuschreibung, so fragend, freundlich, zweifelnd, zögernd. Ein Rätsel führte zum nächsten; zwar ließ sich die Matrioschka immer weiter entkernen, gab aber stets eine weitere Matrioschka preis: Mal Neil Young, mal die Sissi-Filme. Dann Presserummel, Tourneen, Paparazzi, mit Anna Leena Lutz eine neue Schlagzeugerin und hier nun Album Nr. 2, Monterey.

DIE HEITERKEIT, diese besondere und unnahbare Band, bewegt sich nach wie vor wie schlafwandlerisch, fast gespensterhaft schwebend durch ein Koordinatensystem, das von sprödem Understatement und angenehm schillernder blasierter Entrücktheit eingefasst ist, aber der Heiterkeitskosmos wurde ausgedehnt, extremer geradezu, auch wenn es auf den ersten Blick seltsam scheint, im Zusammenhang mit ihrem reduzierten Slowcore-Glam-Pop von ‘extrem’ zu sprechen. Der karge Gitarren-Indie vom Debüt, der Underdogs wie Slint, Helium, Beat Happening und Pavement zusammendachte, gemengt mit der Bereitschaft zur Entschleunigung, wie wir sie z.B. von Souled American, Low oder Codeine kennen, wird auf Monterey leicht Richtung Wave verschoben. Die neu dazugekommenen Synthesizer und besonders Rabea Erradis Bassgitarre erinnern an The Cure oder an Joy Division. Die “Factory” aus dem Opener verweist entsprechend nicht nur auf den künstlerischen Schaffensprozess der Musikerinnen oder auf Andy Warhols Factory und den Gedanken an eine entmystifizierte kollektive Kunst-Produktion, sondern auch auf Factory Records und damit verbundene Musik:

«Das, was früher mal war, kommt wieder. Langsam zwar, doch es kommt wieder. Es wird Zeit kosten, nur so kann es auch wachsen. … Zurück in unserer Factory, Factory jetzt haben wir uns wieder … wir bringen neue Lieder.»

Wie viel jede Zeile enthält! Diese hier z.B. die angesprochene Langsamkeit, den Rückbezug auf die eigene, persönliche und eine weiter gefasste (Pop-/Kultur-)Geschichte; dann die Dekonstruktion des Genie-Mythos, demzufolge KünstlerInnen ihre Werke als ätherische Inspirations-Phantasmen zufliegen und der hier durch eine quasi-industrialisierte Idee von Fließbandarbeit in der Fabrik abgelöst steht (die wiederum persönlich angesungen wird wie ein Freund: “wir haben uns wieder”), aber auch das Volks- oder Kinderlied, in dem der Frühling neue Lieder bringt, die hier nun der Factory wie aus einem Fabrikschlot entsteigen.

Darüber hinaus, alle Freude an der Heiterkeits-Exegese beiseite, ist Factory ein unheimlich gutes Wort, endlich singt es mal jemand. Ich hielt mich nun einen ganzen Absatz lang mit Rätseln, Verweisen und Exegese auf. Aber: Popmusik ist ein großes Rätsel, wenn sie gut ist. Eines, das herzlich in die Unendlichkeit des Maislabyrinths einlädt: Schließlich ist es die größte Ekstase, sich in der Erzählung, im Irrgarten zu verlieren, nicht jedoch, eine Antwort zu finden:

«Du weißt wo man mich finden kann. Ich bin viel zu schwer. Dann bin ich wieder leicht. Du weißt wie lang man suchen muss … Ich weiß wie weit du gehst. Ich hab dir viel zu erzählen, so viel zu erzählen.» (aus “Bruder”)

2. Das traurigste Pferd der ganzen Stadt

Stella Sommers ungewöhnliche Stimme befindet sich in einer der schönsten Ahnenfolgen der Welt, derselben der z.B. auch Patti Smith oder natürlich Nico angehören, androgyn und messerscharf. Die meisten Menschen kennen niemanden mit so einer Stimme. Die nichts preisgibt und in der so viel mitschwingt, die wiederum so viele Rätsel aufgibt, unbekannt von einem fremden Ort herkommt und über Orte singt, die uns fremd scheinen. Sie zerdehnt Vokale in schwelgerischen Seufzern und lässt ihre Worte, die ihr Wort-Sein, ihr Kleben an semantischer Bedeutung, dadurch abstreifen, sanft in die Musik fließen wie Tinte, die sich vom Löschpapier aufsaugen lässt. Sie besingt einen Jungen mit goldenem Haar, einen Kapitän und Cary Grant und entwirft seit Herz aus Gold eine eigene Sprache, die erst mit Monterey endgültig als solche erkennbar wird, als Deckungsgleichheit von Form und Inhalt, dem, was gesungen wird und wie es gesungen wird. Im Zentrum von Stimme und Text ist ein Sich-Sehnen, irgendetwas, was in der Ferne ist, etwas, was vergeht, Dinge, die verloren und längst verblichen sind, so wie Cary Grant und sein goldenes Schimmern, Kalifornien, und der “Frühlingsjunge”.

Das Artwork, ein mixed-mode-Gemälde aus Pferdefotos und impressionistischen Landschaften hat die Band angeblich im Internet ersteigert, von einer Hobbymalerin, die ihre tristen Naturmeditationen dort anbietet. Eine große Traurigkeit ist darin, in diesen halb-fotorealistischen, halb durch den Bob-Ross-Abstraktionsfilter geschickten Motiven, aber auch etwas Tröstliches, eine vage Idee davon, dass Kunst ein befreiendes, rettendes Moment hat. Bedrohung, Beruhigung, Klaustrophobie und Erlösung. Drei herrliche Pferde, edel, schön, da stehen sie herum in einer unklaren pastosen und endlosen Weite. Sind sie in Monterey? Einem Vorort von Hamburg? Auf Tour? Ach, HEITERKEIT, das seid ihr. Die traurigsten, stolzesten Pferde der ganzen Stadt. Monterey ist wie eine alte Fotografie in Sepiatönen, enthält die Ahnung, dass etwas verweht und vergeht, verweist auf etwas, was längst unwiederbringlich vorbei ist, aber zugleich sieht das Bild durch den Sepiaton so viel schöner, außerweltlicher und glamouröser aus als die Wirklichkeit im Moment seiner Aufnahme war.
Björn Sonnenberg, Oktober 2013.

Die Heiterkeit

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